Das kleine Mädchen


Ich saß mit meiner Familie im Bus und war nach 18 Jahren unterwegs in meine Geburtsort nach Kovik (Oglakci köyü). Mein Mann und ich wollten, dass unsere Kinder unsere Heimat kennen lernten, wissen woher ihre Ahnen kommen und wo ihre Wurzeln sind. Nun saß ich also im Bus, mit ganz gemischten Gefühlen, vielen Gedanken und Erinnerungen. Plötzlich schoss mir ein Spruch durch den Kopf, den wir uns als Kinder gegenseitig in die Poesiealben schrieben:

 

Vergiss niemals deine Heimat, wo deine Wiege stand, denn du findest in der Ferne kein zweites Heimatland!

 

Dieser Spruch kam mir im Moment so lächerlich und albern vor, denn ich spürte wie ich laut schreien wollte: „Und ich habe in Deutschland eine Heimat gefunden! Ja, ich bin sogar ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Sogar für die so genannte Mutlikulti Gesellschaft.“ Während der ganzen Fahrt begleiteten und quälten mich teilweise diese Gedanken und Erinnerungen. Heimat ? Was ist das schon dachte ich mir. Mit 5 Jahren habe ich Kovik zum ersten Mal verlassen, und reiste nach Deutschland. Dann lebte ich noch mal mit 7 Jahren ohne meine Eltern bei meinen Onkels (nur mit meiner Schwester) für ca. 7 Monate dort. Heute bin ich 33 Jahre alt, habe einen Beruf erlernt, arbeite und lebe seit dem in Deutschland. Nun lebt schon die dritte Generation unserer Familie in Deutschland. Dann endlich war es soweit und wir fuhren mit dem Taxi von Varto (Provinzstadt) nach Kovik. Ich freute mich so sehr auf den hohen Hang, der sich noch vor uns befand, denn nach dem Hang kam einem das Tal entgegen, und ganz Kovik lag einem zu Füßen.Doch plötzlich sah ich links von uns eine Soldatenkaserne stehen. Die war doch früher nicht da gewesen! Wo kommt die denn her? Ich spürte eine Traurigkeit in mir hoch kommen. Es sollte aber nicht die letzte sein.

 

Wenn ich die Frage stellen würde: „Warum?“ „Für Was?“ Würde man mir wahrscheinlich sagen, es sei zum Schutz aller notwendig. „Wie weit sind wir gekommen?“ dachte ich. Ich entschied mich meine Vorfreude auf das Tal zu konzentrieren und nahm mir vor diesen Moment zu genießen. Meinen Kindern verkündete ich voller Erwartung und Aufregung: „Gleich, gleich nach dem Berg sind wir in Kovik, in meinem Tal! Dort ist es wie auf einem Markt, da sind ganz viele Menschen. Und vor allem Kinder, die toben und spielen. Wir werden bestimmt jubelnd begrüßt.“ Habe ich wirklich, mein Tal, gesagt? Ist es denn nach so vielen Jahren noch mein Tal, mein Dorf?

 

Endlich fuhren wir dann bergab ins Tal. Wir wurden von einer Todesstille empfangen, die Häuser waren alle leer, verlassen. Es waren weder Erwachsene da, noch spielten oder tobten irgendwelche Kinder. Erst saß ich wie versteinert im Taxi, konnte mich gar nicht bewegen, dann stieg ich aus. Ich schaute entsetzt, schockiert um mich. Ich wurde von einer tiefen Trauer überwältigt, die mich regelrecht betäubte. Ich spürte nicht ein Mal meine Tränen und mein jauchzendes Weinen. Immer wieder kam eine Wut in mir hoch, aber auch die nahm ich nur bedingt wahr. Auf ein Mal sah ich ein kleines Mädchen am Beginn des Tales stehen. Es sah mich an und ich sah sie an. Ihr Kopf war leicht gebeugt, sie schien darauf zu warten, dass ich mich beruhigte. Als ich mich wieder gefangen hatte, konnte ich sie registrieren. Sie war ca. 7 Jahre alt, hatte langes gelocktes Haar, die zu Zöpfen gebunden waren. Mir fiel auf, dass sie grünbraune Augen hatte. Durch die Sonnenstrahlen stach die grüne Farbe ihrer Augen besonders hervor, sie hatte ganz rote Wangen. Sie trug einen bunten Flatterrock, ihre Kleider sahen etwa abgenutzt aus. Das Mädchen strahlte eine unheimliche Ruhe und Zufriedenheit aus, Plötzlich sagt sie in meiner Muttersprache (kurdisch):

 

„Du xer hati. (Sei gegrüßt). Ich fragte sie verzweifelt:

 

„Sag doch bitte, wo sind all die Menschen hin? Warum sind die Häuser alle leer?“

 

Sie zuckte mit den Achseln und antwortete:

 

„Weiß nicht. Meine Mama sagte: Sie sind weg, weil sie wo anders nach Brot suchen. Und wer es findet, der kommt nicht mehr zurück!“

 

Stimmt, schoss es durch mich hin durch, des wegen ist auch mein Vater vor 33 Jahren weggegangen, um nach Brot zu suchen. Das kleine Mädchen streckte mir ihre Hand aus und sagte zu mir: „Wenn du willst begleite ich dich während deines Urlaubes. Ich könnte dich führen, dir vieles zeigen und erklären.“ Ich nahm das Angebot dankend an. Eine Woche lang begleitete das kleine Mädchen meine Familie und mich. Sie zeigte mir Stätten, von denen ich dachte sie längst vergessen zu haben. Sie erzählte mir Geschichten die mir fremd waren, die in mir aber ein mulmiges, warmes doch irgendwie bekanntes Gefühl auslösten. Alles was ich von ihr hörte (kurdisch oder türkisch) übersetzte ich sofort meinen Kindern auf Deutsch. Deutsch ist die Sprache, die mein Kinder am besten beherrschen. Es fiel mir aber oft schwer die Aussagen sinngemäß zu übersetzten. Denn die kurdische wie auch die türkische Sprache, verfügen über viel mehr Wörter, mit denen die Emotionen des Menschen beschrieben werden können.

 

Ich genoss bewusst die Natur, die Begegnung mit den Menschen, die Stätten und die Ruhe weit weg von meinem zivilisierten Alltagsstress. Manchmal war das kleine Mädchen sehr traurig, in sich gekehrt. Sie sagte es mache sie traurig, dass so viele Menschen dieses wunderschöne Dorf verließen.

 

„Auch du bist ja mal gegangen“, sagte sie.

 

„Ja“ dachte ich, und ich werde auch wieder gehen.“

 

Oft dachte ich in diesen Tagen an Deutschland. Ertappte mich dabei, wie ich alles was ich innerhalb der Kulturen (kurdische, türkische und deutsche) in denen ich lebte wahrnahm, entdeckte mit einander verglich. Ich fühlte mich so glücklich, erfüllt von Frieden und Ruhe, aber hin und wieder spürte ich einen stechenden Schmerz im Herzen. Es war Heimweh. Heimweh nach Deutschland. Am meisten vermisste ich die grünen Wälder, den die Berge um Kovik herum sind erschreckend kahl. Die Woche verging schnell und es war Zeit Abschied zu nehmen. Fast das ganze Dorf war gekommen, uns zu verabschieden. Ich verabschiedete mich von dem kleinen Mädchen mit den grünbraunen Augen und den roten Wangen. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest an mich. Als ich im Bus saß fiel mir plötzlich ein, dass ich das Mädchen nie nach ihren Namen gefragt hatte. Schnell streckte ich meinen Kopf aus dem Fenster und rief:

 

„Sag mal wie heißt du denn?“

 

Sie sprach sehr leise, ich aber konnte es hören:

 

„Nebika sorik!“

 

Der Bus fuhr los und ich fiel bei dem Rück heftig in den Sitz zurück. „Nebika sorik “hörte ich sie noch sagen. Ich raffte mich auf und schaute wieder aus dem Fenster, das kleine Mädchen war spurlos verschwunden. „Aber Nebika sorik, bin doch ich, “dachte ich, so wurde ich doch als kleines Mädchen von allen genannt. Erst jetzt würde mir klar, dass ich dieses kleine Mädchen war. Da ich ständig damit beschäftig war mich anzupassen und einzugliedern, hatte ich es Jahrelang unbewusst in mir vergraben, nicht wahrgenommen. Wie zu Beginn der Reise saß ich nun wieder mit diesen gemischten Gefühlen und Gedanken im Bus und fuhr nach Hause- nach Deutschland.

 

Heute weiß ich: Das ich zwar mal meine Heimat, wo meine Wiege stand verlassen, aber nicht verloren habe. Ich trage meine Heimat in meinem Herzen und durch das kleine Mädchen in mir werde ich sie auch nie vergessen. Kovik ist und bleibt für mich ein besonderer, einmaliger und nicht ersetzbarer Ort. Dort bin ich geboren worden, dort stand meine Wiege, sind meine Wurzeln. In Deutschland habe ich eine neue Heimat gefunden – sie ist mein zu Hause. Meiner Meinung nach muss ein Mensch nicht nur eine Heimat haben. Heimat ist ein Ort / sind Orte, die einem Menschen festhalten, binden, Vertrauen und Geborgenheit geben. Sobald ein Mensch seine Heimat vollkommen aufgibt, also assimiliert wird oder sich assimilieren lässt, stirbt ein Teil von ihm selbst. Ich bin davon überzeugt, dass ein assimilierter, heimatloser Mensch ein halbtoter Mensch ist. Ein Mensch der fähig ist seine Heimat nicht zu verlieren und auch noch eine neue Heimat dazu gewinnen, bekommt einen Schatz, der gefüllt ist mit Bereicherungen wie: Sprache, Kultur, Lieder, Tänze, Geschichten……..
Wenn dieser Mensch seinen Schatz auch noch mit anderen Menschen teilen kann, ist diese für mich der größte Schatz den ein Mensch besitzen kann. Nach dem ich nun um dieser Erfahrung reicher bin, klingt der Spruch: Vergiss niemals deine Heimat, wo deine Wiege stand, denn du findest in der Ferne kein zweites Heimatland! Nicht mehr lächerlich, sondern es ist ein Spruch- direkt aus dem Leben.

 


Offenbach den 03.06.06
Nebahat Tas

 

kapat