Aleviten und Alevitentum


aleviten und alevitentum

Der Begriff "Alevite" wurde erst mit der 20. Jahrhundert aufgetaucht und wurde für politische Zwecke des Jungtürken als Ausgangsthese verwendet, was ich später genauer erklären werde. Die Aleviten wurden von mehreren Religionen beeinflusst. Davon die wichtigste, die noch heute sich (in versteckten Form) erleben lässt ist die Zarathustra. Zarathustras lehre ist die eigentliche Ausgangsbasis von heutigen Aleviten. So auf dieser weise möchte ich nun kurz die Zarathustras lehre eingehen. Wer das Buch von Friedrich Nietzsche, "Also Sprach Zarathustra" gelesen hat, hat ungefähr die Meinung darüber. Ungefähr 600 vor Christus wurde in Zagrosgebirgen ((Sagros), Faltengebirgssystem im westl. Iran, bis 4548m hoch. Wo die Kurden sich beheimatet haben und heute noch die Mehrheit die dort lebenden Bevölkerung aus denen besteht ca. 10 Millionen.) der erste Dualismus (zwei Götter System Ahura Mazda, der gute Gott und Angra Manju, der schlechte Gott) von diesen Gegend durch Zarathustras lehre, Zend Avesta das Heiligebuch ins leben gerufen. Die wichtigsten Merkmale von dieser Lehre sind: . dass der Zarathustra behauptet, dass die "Zend Avesta" nicht wie die andere Heiligenbücher vom Himmel gefallen sind, sondern dass es durch einen Weisen Hirten erzählt und von Zarathustra geschrieben wurde. Da keine aufdecken konnte wer diese Weise Hirte ist, glaubt man, dass der Zarathustra es selber war. . Man sucht die Götter nirgendwo anders als in Menschen selbst, d.h. die Menschen sind die eigentliche Götter. . Man glaubt dass die Götter unsterblich sind so daher auch die Menschen nach ihren tot als Geist weiterleben können. . Die 4 Elemente (Wasser, Feuer, Luft und Erde) haben eine besondere Stellung. Davon Feuer am meisten angebetet wird. Wenn die Sonne aufgeht wird sie dreimal durch Gebete begrüßt. . Die Gebetsinhalte sind völlig frei, es wird das gebetet was gerade von innen kommt und nicht im texten geschrieben sind. . Monogamie (Einehe) ist verpflichtend. . Zarathustras lehre ist eine dem Naturreligion wie Buddhismus nah. . Es gibt ein Spruch wie: kontrolliere deine Hand, Zunge und Rücken (mit Rücken ist die Sexualität gemeint), das ein unweichbares Gesetz ist. Es gibt viele Merkmale von Zarathustra die ich wegen unserem Zeitmangel nicht eingehen werde. Aber eines möchten ich bemerken: Es wurden 22 Bänder von Avesta auf Ochsenfell geschrieben, die meisten wurden wegen in diesen Region immer wieder stattgefundene Kriege und Auseinandersetzungen zerstört, z.B. der Große Alexander hat sehr viel Material und Bücher nach Griechenland mitgebracht von denen man nicht weiß ob Sie noch heute existieren. Die größte Zerstörung war wiederum von Islamischen Kalif Ömer durchgemacht. Der Ömer hat die ganzen Bücher mit dem Spruch: "Was im Koran steht ist sowieso im Koran man braucht es nicht irgendwo anders zu lesen, was nicht im Koran steht ist sowieso falsch, so alles Verbrennen!" und so hat er alles Verbrannt.

 

Die Erforschungen wurden nur durch Westlichen Welt also meistens Europa durchgeführt. Man konnte von den 11 Bänder teile finden. Die meisten von denen sind noch ganz entschlüsselt worden. Die Aleviten die Heute in Anatolien leben behaupten dass sie von "Horasan" (ein Provinz Nordwest Iran) abstammen. Die Erforschungen stimmen diesen Behauptung zu. Nach Zarathustra herrschte in diesem Gebiet 2 bis 3 hundert Jahre Christentum und danach bis heute Islam. Inzwischen könnten wir uns alle Fragen, wieso eigentlich die Weltreligionen wie Thora (300 Jahre nach Zarathustra), Neue Testament (300 Jahre nach Thora) und Koran (600 Jahre nach Neue Testament) alle im Nahosten und Mesopotamien aufgetaucht sind? Die eigentliche Frage wäre: konnte diese alle eine Ableitung von einander sein? Da Aleviten unter 2 bis 3 hundert Jahre unter Christentum gelebt haben, sind sie davon beeinflusst wurden. Aber weil sie im Hochland leben konnten sie ihre eigene Lebensphilosophie (Lebensart, glaube) größtenteils bewahren. Nach dem Islam sich verbreitet hat, haben sie zwangsweise diese glaube anerkannt, das aber wiederum nicht ganz. Nach dem tot von den Propheten Mohammed wurde Auseinandersetzungen für Kalifat sein gemacht. Da ein teil der Bevölkerung glaubten dass Ali der Nachfolger vom Prophet Mohammed ist und haben ihm dabei unterstützt. Dadurch ist die Anhänger von Ali entstanden. Dadurch ist die Bevölkerung gespaltet und die Aleviten haben sich gegen den Kalifat "Ebu Bekir" gestellt. Ich will die alte Geschichte damit beenden und so die nah Geschichte eingehen. Im späten Ära der Osmanischen Imperium wurde die Anatolische Aleviten durch Haci Bektasi Veli neu strukturiert. Die Lehre von Bektaschi hat sich weit verbreitet. Der Grosse Merkmal von Bektaschi ist dass er mit seiner Lehre jegliche Konflikte durch friedliche Art und Weise umgehen wollte. Die Bereitschaft um Probleme zu lösen hat auf diese Weise gegenüber dem Osmanischen Reich durch aufgeben mit sehr vielen eigenen Rechten zustande gekommen. Dagegen war in Mittelanatolien in Provinz Sivas der "Pir Sultan Abdal" (der ein andere Führer von Aleviten war) die Unrecht niemals akzeptiert und dagegen Zivile Ungehorsamkeit ausgeübt hat und deswegen wurde er in 16.jh. aufgehängt. Unter Osmanischen Reich haben sich die Aleviten an Persischen Könige, genannt "Schah" gehalten. Das war auch ein Motiv zu Unterdrückung damit sind Sie immer wieder im Konflikt geraten, so wurden die Aleviten mehrmals mit gewaltigen Massakers unterdrückt. Früher hat man den Begriff Alevi nicht verwendet, wie ich ganz am Anfang erwähnt habe, wurde der Begriff Alevi erst mit dem ende des Osmanischen Reichs und Anfang der Türkischen Republik erfunden. Früher verwendete man anstatt Alevi "die roten Köpfen also KIZILBAS weil sie bei den Kriegen immer einen roten Band um den Kopf umgebunden hatten. Die Jungtürken haben die Alevitische Bektaschie Lehre hochgehalten damit sie ihre Unterstützung im Ersten Weltkrieg erhalten. Damit haben sie aber auch daraus eine Ideologie entwickelt was zuerst am Anfang der türkischen Republik dominant war. Aber mit der Zeit haben Sie die Sunnitische glaube zur Vordergrund gezogen und damit hat es wieder mit dem Repression der Aleviten angefangen. Da die Aleviten viel weltoffener und Weitweg von Dogmas leben und alles kritisieren können, sind sie eher Systemgegner gewesen und noch heute sind. Ich erlaube mir einige beispiele von Massakers, die durch türkische Staat organisiert wurde hier zu erwähnen. . 1938 die kurdische Provinz Dersim (türkisch "Tunceli), die fast alle von Aleviten bestehen, wurde zum ersten mal erobert, dabei wurde nach offiziellen angaben 100 Tausende Menschen umgebracht und so viele ins Exil in die west Türkei geschickt. . 22. Dezember 1978 in kurdische Provinz Maras wurden 1000´de Aleviten systematisch getötet. . 2.Juli 1993 wurde in Sivas (der größtenteils von Kurden bewohnten Stadt) 37 alevitische Volksdichter, Sänger, Intellektuelle in Madimak Hotel durch fanatische religiöse Menschen verbrannt! . 12. März 1995 wurde Gazi bezirk in Istanbul (von Aleviten bewohnt) bei einer Demonstration 17 Menschen von Staatssicherheitskräfte erschossen und dabei ums leben gekommen. Diese Massakers wurden durch Staat selbst organisiert und teilweise durch radikalen moslemischen Gruppierungen und teilweise durch Sicherheitskräfte durchgeführt. In der Türkei leben nach den Schätzungen 20 Millionen Aleviten. Und davon besteht die Mehrheit aus Kurden und leben im Provinz Dersim und Sivas.

 

Die türkische Aleviten leben auch zudem Kurdischen Provinzen die im Mittelanatolien liegen, als Nachbarstädten, nämlich ein teil von Sivas und Tokat. Im Ägäis und im süden Türkeis leben auch türkische Aleviten die sich als "Tahtacilar" (Hölzner) benennen. Im Antakya und Antep, Adana, das sind die Provinzen die sich im Südost Türkei befindenden Aleviten bestehen aus Araber. KULTUR UND GLAUBE Aleviten fallen in unserer modernen Gesellschaft nicht auf, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Sie tragen keine spezielle Kleidung oder Kopfbedeckung, die auf ihre Kultur oder Religion hinweist. Aleviten bekennen sich zu Humanität und Demokratie, deshalb kommt ihnen unsere Staatsform entgegen. Scharia, das islamische Gesetz, lehnen Aleviten ab. Das ist auch ein Unterschied die in Iran lebenden Schiiten was auch die wichtigste Unterschied zu den Sunniten ist. Aleviten kennen keine Pflichtgebete. Aleviten brauchen zum Beten keinen besonderen Raum und keine spezielle Zeit. Jede Alevitin und jeder Alevit betet dann und dort, wo er oder sie will auf eine Art, wie es ihm oder ihr entspricht. Der Koran ist für Aleviten kein Gesetzbuch, sondern die Niederschrift von Offenbarungen, die kritisch gelesen werden dürfen. Mann und Frau sind gleichberechtigt (Durch Feudale Gesellschaftsstruktur konnte man davon nicht ganz sprechen). Zu anderen Religionen, Glaubensbekenntnissen und Ideologien haben Aleviten ein sehr offenes Verhältnis. Auf eine undogmatische Weise fühlen sie sich der Humanität verpflichtet. Die Menschenrechte im ganzen sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit im speziellen werden von ihnen ausdrücklich bejaht. Jedem Menschen wird ausdrücklich das Recht auf einen eigenen Glauben zugestanden. Über die Anzahl der Aleviten gibt es nur Schätzungen. In ihrer Heimat, der Türkei, werden sie nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt, sondern den Sunniten zugeschlagen, deshalb sind keine offiziellen Zahlen erhältlich. Aleviten nehmen an, dass etwa 20 Millionen zu ihrer Gemeinschaft gehören.

 

Die Aleviten haben ein ganz anderes Gottesverständnis als Muslime, Christen und Juden. Mit der Aussage, Gott ist der Schöpfer, Erhalter und Vernichter des Universums und allem, was darin ist, ist die Gemeinsamkeit praktisch erschöpft. Gott entwickelt sich in mehreren Stufen. Die sichtbare Gestalt Gottes ist die Natur und damit auch der Mensch. Jeder Mensch ist eine Manifestation Gottes, auch der Schurke und der Gottlose; allerdings sind diese missglückte Experimente Gottes. Jeder muss selber zur Erkenntnis von Gott und Natur kommen. Jedem Menschen wird das freie Selbstbestimmungsrecht zugestanden. Er kann beliebige Rituale pflegen oder darf sogar Atheist sein, sofern er seine eigenen Ansichten nicht anderen aufzwingen will. Die sozialen Normen wie das Verbot des Tötens, Diebstahl, Verleumdung und Ehebruch gelten für Aleviten gegenüber allen Menschen. Die Frage nach dem Tod und den Jenseitsvorstellungen ist für Aleviten nebensächlich. Das Verhältnis zum Mitmenschen ist wichtig. Alevitische Gebetsform "Cem" Cem bedeutet Kreis, Ring und ist eine religiöse und soziale Versammlung, die mindestens einmal jährlich abgehalten wird. Ein Cem besteht aus verschiedenen Teilen und deckt wichtige Aspekte des religiösen und sozialen Lebens ab. Gericht und Versöhnung, Belehrung und Spiritualität beinhaltet diese Versammlung, die wahrscheinlich auf uralte Formen zurückgeht. Ansprachen und Unterweisungen von Dedes (Derwischs) und von Laien, Gebete und Segnungen folgen sich im Ablauf, der mehrere Stunden dauert. Semah, der kultische Tanz zu den Klängen der Saz (tembur) , ist ein weiterer wichtiger Faktor. Jede Person bringt nach Möglichkeit etwas Essbares mit. Das gestiftete Essen wird am Schluss der Zusammenkunft an alle Anwesenden verteilt. Ein wichtiger Unterschied zu einem sunnitischen Gebet darf nicht ausser acht gelassen werden: die Sprache. Im Cem wird auf Muttersprache verwendet. Beim Cem kommt die Saz zum Einsatz. Die Saz ist ein traditionelles Instrument, das an eine Laute erinnert und in der Türkei und in den umliegenden Ländern weit verbreitet ist. Die Saz ist ein Bestandteil der Kultur und wird von vielen Menschen gespielt. Alevismus ohne Saz ist schwer vorstellbar; Cem ohne Saz ist sogar praktisch undenkbar. Deshalb werden möglichst viele Aleviten im Spiel der Saz angeleitet. Der Motto von Aleviten ist: Jeder Mensch ist ein Gott! Die Aleviten beten nicht für ihre schon begangene Sünden sondern Sie beten dafür dass sie keine Sünden in der Zukunft begehen.

 

Die Glaubenlehre

Während die einen die Glaubenslehre der Aleviten als Häresie brandmarken, feiern sie andere als Ausdruck eines modernen und toleranten Islams, ja des wahren Islams schlechthin. I. Einführung Vor zehn Jahren noch waren in Deutschland die Aleviten außerhalb eines begrenzten Kreises von Fachleuten nahezu unbekannt gewesen. Seitdem hat sich weithin herumgesprochen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der aus der Türkei stammenden Migrantenbevölkerung einer heterodoxen islamischen Glaubensgemeinschaft angehört, die alle Merkmale vermissen läßt, die man mit dem Islam in Verbindung zu bringen gewohnt ist. Es waren die Aleviten selbst, die in den letzten Jahren mit dem lauten Ruf "Uns gibt es auch!" in die Öffentlichkeit traten und damit ihre lange ‚Unsichtbarkeit‘ beendeten. In letzter Zeit lassen Aleviten vor allem im Zusammenhang mit der bundesweiten Diskussion um das Für und Wider eines islamischen Religionsunterrichts von sich hören. Sie verlangen ihre Anerkennung als eigenständige Religionsgemeinschaft und die Berücksichtigung ihrer Sonderinteressen im Falle eines schulischen Islamunterrichts. Diejenigen jedoch, die sich berufsmässig mit den Forderungen der Aleviten auseinandersetzen müssen, sind irritiert angesichts der Tatsache, daß sie seitens der Aleviten mit unterschiedlichen und teilweise einander widersprechenden Aussagen darüber konfrontiert werden, was das Alevitum (türk.: Alevilik) sei bzw. wie seine Glaubenslehren im einzelnen aussehen. Die Schwierigkeit, die sich für die Aleviten selbst stellt, ein kohärentes Bild ihres Glaubens zu entwerfen, resultiert u.a. aus dem ehemaligen Geheimcharakter der Gemeinschaft und der fehlenden schriftlichen Fixierung ihrer Lehren. Hinzu kommt, daß die Aleviten im Verlaufe der letzten vierzig Jahre einen Prozeß der Säkularisierung durchliefen, was dazu führte, daß die früher mündlich überlieferten religiösen Traditionen zu einem beträchtlichen Teil in Vergessenheit geraten sind. II. Geheimnis, Verheimlichung und Mündlichkeit Als Angehörige einer als häretisch verfemten und von Zeit zu Zeit physisch verfolgten Glaubensgemeinschaft haben sich die Aleviten bis in die jüngste Vergangenheit hinein der aus der Schia bekannten Praxis der taqiyya ("Verheimlichung“, "Verstellung“) bedient. Dies bedeutete zum einen, daß sie zum Schutze der eigenen Person und der Gemeinschaft Außenstehenden gegenüber ihre wahre religiöse Zugehörigkeit verborgen hielten. Dieses Verhalten erforderte die Entwicklung bestimmter Techniken der Verheimlichung, vom einfachen Verschweigen der eigenen Identität bis hin zur bewußten Verstellung und Irreführung des nicht-alevitischen Gegenübers. Neben dieser auf Angst vor äußeren Feinden basierenden Vorsichtsmaßnahme beinhaltete taqiyya noch eine weitere Dimension, nämlich die Geheimhaltung der Glaubenslehre vor Uneingeweihten.

 

Die Lehre galt als Mysterium (sir), zu dem der Zugang erst nach einer, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie (ikrar töreni) erfolgten Initiation möglich wurde. Das Recht, in die Lehre eingeweiht und damit zum Mitglied der alevitischen communitas zu werden, war auf den Kreis jener beschränkt, die in die Gemeinschaft hineigeboren waren. Zu den Verpflichtungen, die die Novizen bei ihrer Einführung in die Kultgemeinschaft eingingen, gehörte die Wahrung des erfahrenen Geheimnisses, wozu neben Inhalten der Lehre auch die Rituale gehörten. Der für Aleviten früher typische ungekürzte Schnurrbart, der die Lippen seiner Träger "versiegelte", war symbolischer Ausdruck des Gebots, die "Zunge zu beherrschen". Zuwiderhandlung wurde mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft geahndet. Für die religiöse Unterweisung und die Durchführung der Initiationsriten und der diversen religiösen Rituale waren ‚heilige Männer‘ (dede) zuständig, die ihre Legitimation aus ihrer – in der Regel fiktiven – Abstammung von dem Propheten Mohammed ableiteten. Innerhalb der einzelnen dede-Familien wurden die geheimen Lehren von Generation zu Generation überwiegend mündlich weitergegeben. Daneben verfüg(t)en die ‘heiligen Familien’ (ocak) über handschriftliche Aufzeichnungen, die unter dem Obergbegriff Buyruk (Gebot) zusammengefaßt werden. Als wichtigstes Medium der Übermittlung religiöser Traditionen dienten jedoch Lieder (nefes), die während der religiösen Zeremonien zur Lautenmusik vorgetragen wurden. Die Verschriftlichung der nefes begann im größeren Umfang erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie bieten eine wertvolle Hilfe bei der Erhellung religiöser Vorstellungen, die unter diversen alevitischen Gruppierungen im Umlauf waren. III. Zusammenbruch und Neubeginn Nach Mitte der 1950er Jahre begannen die Aleviten, die jahrhundertelang in der relativen Isolation ihrer schwer zugänglichen Wohngebiete verharrten, ihre Dörfer zu verlassen und sich in den Städten anzusiedeln. Unter den Bedingungen der Urbanität und Modernität verlor die traditionelle sozial-religiöse Ordnung allmählich ihre einstige Bedeutung. Der Zerfall der alten Strukturen wurde beschleunigt, als die Aleviten in den 1960er und 1970er Jahren sich zunehmend politisierten und linksrevolutionären Ideologien zuwandten. Diese Entwicklung führte insgesamt zu einem Bedeutungsverlust der Religion und zur weitgehenden Säkularisierung der Gemeinschaft. Dadurch wurde die orale Wissensvermittlung unterbrochen und die traditionelle religiöse Führungsschicht hat ihre einstige Funktion und damit auch Autorität eingebüßt. Die nachfolgende Generation ist bereits herangewachsen, ohne in die geheime Lehre eingeweiht worden zu sein. Die Rückkehr des Islam in Politik und Gesellschaft der Türkei nach 1980 und die gleichzeitig erfolgte religiöse Konjunktur unter muslimischen Migranten in Europa hatte sich auch auf die Aleviten nachhaltig ausgewirkt. Sie haben begonnen, sich verstärkt zu organisieren und – zuerst in der Türkei, später auch in der europäischen Diaspora – ihre offizielle Anerkennung als eine mit den Sunniten gleichberechtigte Glaubensgemeinschaft zu fordern. Bei der Mobilisierung spielte die Angst mit, in der sich immer stärker am Islam und an seinen Gesetzten orientierenden Gesellschaft in der Türkei erneut Ausgrenzung und Diskriminierung zu erfahren. Auf der andere Seite erfolgte aber auch innerhalb der alevitischen Gemeinschaft eine zunehmende Besinnung auf die traditionellen Werte, die eine vor etwa zehn Jahren begonnenen Prozeß religiöser Neubelebung mit sich brachte. All dies ging mit der Aufgabe sowohl der Geheimhaltung der Lehre wie der Verheimlichung der eigenen Identität einher. "Wir haben nichts zu verbergen!" – diese wiederholt vorgebrachte Äusserung könnte als Motto der alevitischen Erneuerungsbewegung betrachtet werden. Angesichts der vorangehenden Säkularisierung wurde die Rekonstruktion der religiösen Traditionen zur zentralen Aufgabe der Bewegung. Dabei ist – bedingt durch die mündliche Wissensvermittlung in der Vergangenheit - ein breiter Raum für Interpretationen gegeben. Die fehlende Kodifizierung der Lehre bedeutet aber auch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil für das Alevitum. Ohne den Hemmschuh einer in Schrift gegossene Lehre kann es sich leichter an veränderte Bedingungen anpassen; ein Umstand, der Religionen mit Schrifttradition ungleich schwerer fällt. IV. Der alevitische Pfad des Glaubens Das alevitische religiöse System weist ein Nebeneinander verschiedener religiöser Traditionen auf, in dem die einzelnen Bestandteile nicht zu einem einheitlichen, neuen Ganzen verschmolzen sind. Es ließe sich mit einem Mosaikgemälde vergleichen, bei dem sich das Gesamtbild aus zahlreichen, in sich geschlossenen und thematisch häufig unabhängigen Einzelbildern ergibt. Alevi bedeutet dem Wortsinn nach Anhänger Alis, d.i. Neffe und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. In der Verehrung Alis deutet sich eine Nähe zur Schia an, mit der die Aleviten auch die Lehre von der Unfehlbarkeit und Sündlosigkeit der zwölf alidischen Imame teilen. Mit den Schiiten verbindet sie weiter die Trauer um das Martyrium von Alis Sohn Hüseyin bei Kerbala und das Prinzip von teberra und tevella (d.h. die Liebe zu den Freunden Alis und Haß auf seine Widersacher) sowie die Ablehnung der ersten drei islamischen Kalifen als Usurpatoren. Aber hier enden schon die Gemeinsamkeiten.

 

Die Aleviten befolgen weder Theologie noch Gesetz der Schia oder irgendeiner anderen islamischen Schule. Gesetzesreligiosität ist ihnen gänzlich fremd, was auch ihre Ablehnung der in der Schari’a formulierten Pflichten (u.a. rituelle Gebete, Fasten im Monat Ramadan, Almosensteuer und Wallfahrt nach Mekka) begründet. Die muslimische Orthopraxie halten sie für eine "Religion der Zunge", die sie als oberflächlich wenn nicht gar als heuchlerisch ablehnen. In der Tradition der Batiniya (eine frühe gnostische Richtung innerhalb des Islam) stehend, besagt die alevitische Lehre, daß der göttlichen Offenbarung eine innere (esoterische) und eine äußere (exoterische) Dimension zugrundeliegt. Für jene, die zu dem Verborgenen durchgedrungen sind, haben formale Gesetze, die der äußeren Sphäre angehören, keine Bedeutung mehr. In diesem Sinne nehmen die Aleviten auch eine spirituelle Interpretation des Koran vor, den sie (mehrheitlich zumindest) im Gegensatz zur orthodoxen islamischen Lehre jedoch nicht als das ureigene Wort Gottes betrachten. Nach einer verbreiteten (nicht aber allgemeingültigen!) Vorstellung ist der Koran vielmehr "die Rede Mohammeds", der als Perfekter Mensch (insan-i kamil) selber zur göttlichen Wahrheit durchgedrungen sei. Die verborgene Wahrheit, die hinter der äusseren Schale der Gesetze liegt, ist die Einheit aller Seienden mit Gott, vahdet-i vücut. Diese Lehre ist in dem Satz erhalten: Nur wer Gott im Menschen und den Menschen in Gott erkennt, kennt die Absolute Wahrheit (Gott). Im Gegensatz zur islamischen Theologie kennt das Alevitum daher keine Trennung zwischen Gott und einer von ihm erschaffenen Welt: Das Universum ist vielmehr die Ausstrahlung der göttlichen Substanz selbst. Die Erlösung des Menschen ist mit der Erkenntnis des ihm innewohnenden göttlichen Potentials verbunden. Das Ziel, wohin die eintausend alevitischen Pfade führen, ist das Erlangen dieser Erkenntnis, marifet. Gotteserkenntnis ist daher untrennbar mit Selbsterkenntnis verbunden. Mit den Worten eines nefes ausgedrückt: Wer sein Selbst nicht kennt, kennt Gott nicht (Kendi özünü bilmeyen Hakki da bilmez). Der Weg zur Erkenntnis indes ist ein mühsamer. Er ist wie eine Brücke, heißt es, schmaler als ein Haar, und sich auf ihn zu begeben ist wie das Tragen eines Hemdes aus Feuer. Für den, der ihn betreten hat, gibt es keine Umkehr.

 

Die religiöse Identität der Aleviten verdichtet sich in der Formel eline diline beline sahip olmak, d.h. die Hände, die Zunge und die Lende zu beherrschen. Die Beherrschung der Hände beinhaltet die Forderung, die Hände nicht nach Dingen auszustrecken, die einem nicht gehören. Der Zunge Herr zu sein bezog sich ursprünglich vor allem auf die Wahrung des Geheimnisses vor Außenstehenden. Weiter impliziert es die Meidung von Lüge, Verleumdung und übler Nachrede. Die Beherrschung der Lende schließlich beinhaltet das Gebot, sexuelle Handlungen auf die monogame Ehe zu beschränken. (Vielehe und Scheidung gelten als Verstösse gegen die Prinzipien des alevitischen Weges.) Die traditionellen religiösen Zeremonien (ayni-i cem, cem) der Aleviten, nur wenige Male im Jahr abgehalten, waren symbolischer Ausdruck der Lehre der Einheit aller Seienden. Damit die cem, bezeichnenderweise auch birlik (Einheit) genannt, abgehalten werden konnten, mußte die Eintracht unter den Gläubigen gewährleistet sein. Streitigkeiten mußten gelöst, Schuldige, die gegen das Prinzip eline diline beline verstoßen hatten, bestraft und gegebenenfalls "exkommuniziert", d.h. aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Für die Zeit der Andacht, die die ganze Nacht hindurch dauerte, waren alle Unterschiede, die die Gläubigen im sozialen Alltag voneinander trennten, idealerweise ausgelöscht. "Wenn cem ist", heißt es, "gibt es keine Großen und Kleinen, keine Schönen und Häßlichen, keine Männer und Frauen; sie alle sind Eins". In der "Zeremonie der Befragung" sollten die Menschen lernen, "vor ihrem Tod zu sterben". Dieses Sterben vor dem Tod bedeutet die Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts. Wer auf dem alevitischen Pfad wandelt, heißt es, soll im Hier und Jetzt Rechenschaft über seine Taten ablegen und von der Gemeinschaft beurteilt werden. Wie aber fügt sich die Verehrung Alis in dieses mystisch-gnostisch beeinflußtes Vorstellungskomplex? Die Aussagen der religiösen Dichtung und der (allerdings stark verschlüsselten) Buyruk-Schriften ergeben ein äußerst vielgestaltiges Ali-Bild. Wir können davon ausgehen, daß hier verschiedene Traditionen nebeneinander existieren. Auf der einen Seite tritt uns ein Ali entgegen, der "mit Gott Gott ist". In den religiösen Liedern finden sich häufig Sätze, die die Vorstellung von der Gottgleichheit Alis belegen, wie "Du bist Anfang und Ende dieser Welt"; "Der das Schicksal bestimmt, der die Welt erschuf ist Ali selbst"; oder "Der eine Name ist Ali, der andere Allah". Auf der anderen Seite bildet Ali mit Mohammed eine untrennbare Einheit: die Aleviten bezeichnen ihren Glauben folgerichtig als "den Pfad von Mohammed Ali". Die beiden gelten als von Ewigkeit existierende Lichtsubstanzen, die aus einer Zweiteilung Gottes hervorgegangen sind. Hierauf gründet die typisch alevitische Lehre der Trinität: "Allah Mohammed Ali, drei Namen, in der Bedeutung eins.“ Die historischen Personen Ali und Mohammed verkörpern als materielle Manifestationen des ewigen göttlichen Lichtes die zwei Dimensionen der Offenbarung: Ali steht für die innere, verborgene Wahrheit, während Mohammed deren äußere Seite repräsentiert. Hierin liegt die Vorrangstellung begründet, die Ali im Glaubenswelt der Aleviten gegenüber Mohammed zweifellos zukommt. Die zwölf Imame, Nachfahren Alis aus der Verbindung mit Mohammeds Tochter Fatima, gelten ebenfalls als Träger des göttlichen Lichts. Als solche verfügen sie über das ererbte Wissen um die verborgene Wahrheit. Die alevitischen dede gelten als die späten Erben dieses geheimen Wissens, das von Generation zu Generation an die Söhne weitergegeben wurde. V. Schlußbetrachtung Die Antworten, die heute auf die Frage nach dem Wesen des Alevitums gegeben werden, fallen vielfältig aus, je nach dem, welche der vorhandenen Traditionsstränge betont bzw. in den Hintergrund gedrängt werden. In der gegenwärtigen Phase der Erneuerung sind verschiedene, miteinander konkurrierende Deutungen auszumachen. Die eine Richtung ist bestrebt, das gnostisch-mystische Erbe des Alevitums zu bele-ben. Eine andere dagegen versucht, das Alevitum durch die Zurückdrängung ebendieser Traditionen dem orthodoxen (wahlweise dem sunnitischen oder dem schiitischen) Islam anzunähern. Vor allem in der Diaspora gibt es tonangebende Kreise, die das Alevitum als eine gänzlich außerhalb des Islam stehende, eigenständige Religion begreifen. Ein großer Teil der politisierten jüngeren Generation wiederum siedelt das Alevitum weitgehend außerhalb religiöser Kategorien an und interpretiert es als eine antiherrschaftliche soziale Bewegung und als Ausdruck einer bestimmten Lebensform. Welche Modelle sich schließlich durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Auf jedem Fall aber wird durch die selektive Belebung der Traditionen und deren Neuinterpretation ein Alevitum im neuen Gewand entstehen, das den Bedingungen der Gegenwart Rechnung trägt. Die Aussage, die Haci Bektas Veli zugeschrieben wird, könnte daher als Pate über die alevitische Erneuerungsbewegung stehen: "Der Mensch muß sich der Zeit anpassen und nicht die Zeit dem Menschen!“

 

Das Wertesystem des Alevitentums

Der Lebenslauf des Menschen ist nach alevitischer Vorstellung vom Streben nach einer Entwicklung des Denkens und Ethos bestimmt. Die Aleviten sprechen von den 4 Toren, die der Mensch durchschreiten habe, um seine Bestimmung auf der Erde gerecht zu sein und um die o. b. Entwicklung (Annäherung zu Gott) zu erreichen. 4 Pforten und 40 Regeln 1. Die Scharia (Seriat) Es sind die Regeln, die durch Sehen, Hören, und Mitmachen gelernt, verstanden und wahrgenommen werden. Ein Wegweiser bzw. Meister (Rehber) hilft den einzelnen Schülern (talip) dabei. Diese Pforte wird durch 10 Regeln erreicht: glauben, lernen, Gottesdienst verrichten (beten, fasten, Almosen geben), ehrlichen (legitimen) Verdienst haben, Frauen achten und kein Geschlechtsverkehr während der Menstruation üben, Fürsorge zeigen, reines Essen genießen, Gutes tun. 2. Der mystische Pfad (Tarikat) Das Ziel dieser Pforte ist, Sinn des Glaubens zu erreichen, der für andere ein Geheimnis bleibt. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht der Mensch einen Helfer /Dede. 10 Regeln (Stufen): sich dem geistigen Lehrer (Pir) anvertrauen, als Lernende sich hingeben, auf äußeres Aussehen verzichten, geduldig sein, fürchten/achten, hoffen auf Hilfe von Gott, gemeinsam sich einfügen (demütig sein), Mensch und Natur lieben. 3. Das Tor der Erkenntnis (Marifet) Auf dieser Stufe wird die Lehre tiefgehend studiert und die Bedeutung des Gelernten durch die vorangegangenen Stufen verknüpft. Das gelernte Gesamtwissen muß auch in den Verhaltensweisen gezeigt werden. Dabei wird der Mensch von seiner Unwissenheit gerettet und für die letzte Phase vorbereitet. 10 Regeln (Stufen): gutes Benehmen und Anstand, ehrenhaft leben, geduldig sein, genügsam sein, Schamhaftigkeit zeigen, Freigiebigkeit zeigen, Wissen erwerben, Harmonie bewahren, gewissenhaft sein und Selbsterkenntnis üben. 4. Die Wahrheit (Hakikat) Der Mensch begreift alle Geheimnisse des Weges, die Bedeutung und den Sinn des Lebens. So werden ihm alle Geheimnisse des Kosmos, der Welt und des Daseins geöffnet. Er ist dann ein vollkommener, gereifter Mensch. Hier sind auch die zehn Regeln benannt: Bescheiden sein, Menschen achten und ehren, Arroganz total abschaffen, alle Religionsgemeinschaften nicht nur durch Lippenbekenntnis anerkennen, keine üble Nachrede begehen, Glauben an Einheit von Allah, Muhammed und Ali, nicht lügen, nicht stehlen, keinen unerlaubten Sex begehen, Gott Vertrauen schenken, das erfundene Geheimnis aussprechen.

 

Gebet der Aleviten:

Cem Versammlung Das wichtigste Gebet wird durch die Cem-Versammlung meist donnerstagabends verrichtet. Cem bedeutet religiöse Versammlung und Vereinigung. Das ist eine Nachahmung der Versammlung der 40 Heiligen, die der Heilige Muhammed während seiner Himmelfahrt unterwegs sah. „In der Cem- Versammlung wird das Abstrakte mit dem Konkreten, die Mystik mit der Logik, der Begriff mit dem Bild verbunden und dargestellt, so daß sie ineinander existieren können und „ der Verkehr zwischen den Menschen zum Ort der Manifestation des Heiligen wird“(Weißner, Gernot, Das Alevitentum: Ein Beispiel für religiös-soziale Opposition und religiöse Überleben, in: Die Stimme der Aleviten, Nr. 2, Mai 1995, Hrg.: AABF). An einer Cem-Versammlung, die in großen Häusern oder sogar im Freien abgehalten werden kann, beteiligen sich alle Gemeindemitglieder, Frauen, Männer und Kinder meistens ab 10 Jahren. Die Cem Versammlung hat neben der Gebetsverrichtung drei weitere wichtige soziale Komponenten: · Verbrüderung (muhasiplik), Wegbruderschaft (yol kardesligi), Jenseitsbruderschaft (ahiret kardesligi) Jede alevitische Familie geht einmal in der Cem-Versammlung eine Gemeinschaft mit einer anderen Familie ein, die sozial und finanziell etwa auf gleichen Stand sind. Dadurch werden beide Familien eine religiöse verwandtschaftsähnliche Beziehung eingehen, die auch wirtschaftliche Verschmelzung für die beteiligten Familien bedeutet. Diese Familien unterstützen sich gegenseitig in jeder Hinsicht. Eine ist nicht nur für sich, sondern auch für die verbrüderte Familie verantwortlich. Die Sünden und Verdienste beider Familien zählen zusammen. Vollwertiges Mitglied der alevitischen Gemeinschaft ist nur derjenige, der so eine Wegbruderschaft eingegangen ist, d.h. derjenige, der sein eigenes Schicksal an das Schicksal eines Geschwisters im Glauben gebunden hat. Dieses System garantiert den Zusammenhalt der Gemeinschaft und kann gleichzeitig eine Garantie dafür sein, daß der Egoismus einer einzelnen Gruppe nicht die ganze Gemeinschaft zerstört. · Öffentliche Beichte (görgü, dara çekilmek): Die Görgü ist aufgrund des Alevitischen Gebots die Rechenschaft jedes einzelnen vor der Cem-Versammlung , in der alle Bewohner einer Ortschaft anwesend sein sollen. Dort werden die Beschwerden über die Betroffenen angehört bzw. Fehlverhalten werden von Betroffenen selbst offenbart. Verbrüderte Familien verantworten sich gemeinsam über ihr Verhalten einmal im Jahr vor der Cem-Versammlung. Die Verfehlungen werden bestraft bzw. die Beteiligten werden versöhnt, in dem der Schuldige Ausgleich für die Gemeinde leistet.

 

Die Strafen werden vom Dede- Gemeinschaftsältesten vorgeschlagen und gemeinsam und offen festgestellt. Die schwerste Strafe ist für sittliches Verderben (düskünlük). Der Betroffene wird von der Gemeinschaft ausgeschlossen. · Gelöbnis essen (Lokma): In der Cem-Versammlung wird das gemeinsam vorbereitete Essen als Zeichen der Einheit und Solidarität am Ende des Gebets gleichmäßig verteilt und gegessen. Davor wird das Friedenswasser vom Gemeindeältesten gesegnet und von allen als Zeichen des Einverständnisses untereinander bzw. Einvernehmens und der Versöhnung getrunken. Der Gelehrte (Dede) trägt während der Cemversammlung mehrere Gebete. Das folgende Gebet ist das häufig vorgetragene: „ Allah, Allah! Die Abende mögen segensreich sein, gute Taten mögen ruhmreich sein, Übles möge verschwinden. Gottesleugner und Heuchler mögen untergehen. Den Gläubigen möge Freude zuteil werden. Die Versammlungsstätten mögen blühen. Die Geheimnisse mögen offenbart werden. Gott- Muhammed- Ali möge uns beistehen. Die Zwölf Imame, Vierzehn Unschudigen und Siebzehn Gegürteten mögen uns nicht aus ihrem Gefolge verbannen. Unser Pir und Lehrer Hünkar Haci Bektas Veli möge unser Helfer und Unterstützer sein. Der Herrgott möge uns vor den Übeltaten der Feinde beschützen. Beschere uns vom Himmel segensreiche Gnade und von der Erde segensreiche Fruchtbarkeit. Laß uns nie auf die Hilfe eines Feiglings angewiesen sein. Nimm unsere Opfergaben an. Rechne das Opfermahl als eine gute Tat an. Unglück, Katastrophe und Unheil mögen von uns abgewendet werden. Wir tragen es vor, es ist das Licht des Propheten, die Güte Alis, das Gebet der Heiligen, das Werk des Hünkar Haci Bektas Veli. Hü, für die wahren Gläubigen ! „(Bozkurt, Mehmet Fuat, das Gebot, Seite 116) Die Grundpflichten des sunnitischen Islams wie z. B. Gebet fünf mal am Tag, Fasten im Monat Ramadan, Almosen geben und Pilgerfahrt nach Mekka sind für Aleviten nicht bindend. Über Pflicht zur Pilgerfahrt sagte Yunus Emre im 13 Jh.: Derwischtum ist nur im Kopf, in der Mütze nicht; Das Erhitzen kommt vom Holz und vom Bratrost nicht ! Hattest eines Frommen Herz kränkend du zerstört- Das Gebet, das du vollziehst, gilt vor Gott dann nicht ! Wenn du Gott, den Wahren, suchst, such im Herzen ihn: Nicht ist in Jerusalem Er, in Mekka nicht. (Übersetzung: Annemarie Schimmel) Dervislik bastadir, tacda degildir. Issilik oddadir, sacta degildir. Eger bir müminin kalbin yikarsan Hakka eyledigin secde degildir. Hakki arar isen kalbinde ara, Kudüs`te Mekke`de Hac`da degildir.

 

Glaube an Menschwerdung

Aleviten glauben, daß jeder Mensch seine heilige Kraft durch den richtigen Weg wiederentdecken kann. Am Ende dieses Prozesses kann der einzelne Mensch sich mit Gott wiedervereinigen, wenn er seine Wunderkraft wiederentdeckt hat. Für Aleviten ist der Mensch mit Hilfe seines Verstandes fähig, Gott zu erkennen und selbständig zwischen Gut und Böse zu unterscheiden; somit ist der menschliche Verstand „ can“ für Aleviten eine Quelle der Offenbarung. Der Weg der Menschwerdung wird den Aleviten in der Lehre gezeigt. Aleviten beten zu Gott nicht aus Furcht vor der Hölle oder aus Hoffnung auf das Paradies, sondern r um seiner ewigen Schönheit willen. Die alevitische Lehre erwähnt nicht, daß die Wohltaten (hayirli isler) und bösen Taten (ser) Gottesbefehl wären. Sie haben ein Bild von der Freiheit des Menschen vor Gott und von einem Verhältnis des Menschen zu Gott, das nicht von der bedingungslosen Unterordnung unter ein Gesetzt bestimmt wurde, sondern von der Fürsorge Gottes für den freien Menschen, von der Hilfe Gottes bei dem Bemühen des Menschen, Gott immer näher zu kommen. Um dieses Ziel zu erreichen, glauben die Aleviten, nicht nur ein Leben auf dieser Erde zu haben, sondern daß Gott ihm viele Leben gibt. Der Menschwerdungsprozeß ist für die Aleviten eine Folge der Fürsorge Gottes für den Menschen: Gott gab dem Menschen die Möglichkeit, sich durch vile Leben hindurch ihm immer mehr an ihn anzunähern, sich immer weite zu entwickeln. Wenn der Mensch frei vor Gott ist, und die Aufgabe hat, sich zur Gottähnlichkeit zu entwickeln, dann sind alle Menschen gleich, weil sie alle die gleiche Aufgabe, das gleiche Ziel haben. Die alevitische Lehre wird dem einzelnen von einem Gelehrten oder von Eltern vermittelt. Die Aleviten schließen nicht aus, daß Menschen anderer Religionszugehörigkeit durch deren eigenen Weg Gott erkennen und die eigene heilige Kraft wieder entdecken können. Yunus Emre beschreibt den Wunsch zur Menschwerdung in seinem Gedicht: Ach, mache so verwirrt mich doch, Daß ich im Liebesfeuer brenne. Wo immer ich auch blicken mag, Daß ich nur Dich erkenne ! Ach nimm, ach nimm mein Ich von mir Und fülle mich so ganz mit -Dir! Komm, töte, töte mich allhier, Daß ich dort nicht mehr sterbe! Yunus Emre ( Übersetzung: Annemarie Schimmel) Söyle hayran eyle beni Askin oduna yanayim Her kancaru bakarisam gördügüm seni sanayim Al gider benden benlügi toldur içüme senlügi Gel sen beni bunde öldür anda varup ölmeyeyim. Glaube an Reinkarnation (Seelenwanderung): Nach dem Glauben der Aleviten stirbt die Seele eines Menschen nicht, sondern wandert in einen anderen neuen Körper. Yunus Emre behandelt in seinen Gedichten den Glauben an Reinkarnation. „ Die Körper sind sterblich, nicht die Seelen.“(Ölürse tenler ölür, canlar ölesi degil). Einige (Literatur)hinweise zur Reinkarnation im Alevitentum: · Der Körper stirbt und die Seele wandert. Die Seele ist ein Gast in dem Körper. ( Özkirimli, Atilla, Alevilik-Bektasilik, Seite 207,cem yayinevi, Istanbul 1993) · Diese Religion (Alevitentum) hat gleichzeitig den Glauben, daß die Seele (ruh) in einer Welt mit unzähligen Wesen ständig umherwandert.( reincarnation und incarnation). Hatayi ( Schah Ismail): In tausenden Körpern kreiste Ali um. (Melikoff, Irene, Uyur idik uyardilar, Seite 61,Cem yayin, Istanbul,1993) · Die Seele ist unsterblich. Sie bleibt gemäß ihres Schicksales eine Weile in einem Körper, trennt sich davon und geht in eine andere Umgebung. Nach diesem Glauben ist die Seele das Leben. Diese unsterbliche Energie gibt es in allen Lebewesen und in der Materie. Die Existenz dieser Energie wird durch Lebewesen herausgefunden. Der vollkommene Mensch ist die letzte Stellung dieser Reise. (Birdogan, Nejat, Anadolunun gizli kültürü- Alevilik, Hamburg, 1990) · In machen Gegenden der Türkei wird immer noch die Beerdigungszeremonie im Frühling wiederholt, mit dem Glauben, daß der Gestorbene im Frühling mit der Natur auferstehen würde. · Vielen Kindern in alevitischen Familien werden die Namen von verstorbenen Verwandten gegeben mit dem Glauben, daß ihre Seele in das Neugeborene wandern würde.

 

Gleichstellung von Frau und Mann im Alevitentum

Wer den Menschen als Mensch betrachtet und Hautfarbe, Sprache, Religion, Herkunft und anderes Denken außer acht lässt, denkt so, wie die anatolischen Aleviten über Männer und Frauen denken. Sie glauben nicht, dass einer dem anderen über- oder unterlegen ist. Mann und Frau sind gleichwertig und haben gleiche Rechte. In dem folgenden Zitat von Haci Bektas Veli kommt dies deutlich zum Ausdruck: " In der Gemeinschaftsrunde wird nicht nach Frau und Mann gefragt; Alles was Gott geschaffen hat, ist vollkommen; Wir sehen nicht auf den Unterschied von Frau und Mann; Das Unvollkommene, das Unvollständige ist in deinen Gedanken " In dieser Anschauung liegt der Hauptunterschied zur Schariat. Im Alevitentum sind die Frau-Mann Beziehungen nicht nach den für die Frau erniedrigenden Schariatgesetzen geregelt. Bei den Aleviten ist die Frau vor allem ein Mensch. Die Frau ohne Mann ist so wenig vorstellbar wie der Mann ohne Frau. Beide zusammen bilden ein Ganzes . Die Trinität des ; " Beherrsche Deine Hände, deine Zunge und Deine Lenden. " bringt die Achtung vor der Frau am besten zum Ausdruck. Die Einhaltung dieser moralischen Grundregeln wird von Frauen und Männern gleichermaßen erwartet. In den Frau-Mann Beziehungen gilt nicht:" Die Freude für den Mann, das Leid für die Frau. " Bei den Aleviten gibt es nur die Monogamie und nicht die Möglichkeit der Polygamie, wie bei vielen anderen Konfessionen des Islam,wo bis zu vier Frauen angeheiratet werden können.. Im allgemeinen :Wer sich zu Unrecht von seinem Ehepartner scheidet, macht sich schuldig (düskün). Ein " düskün " kann nicht in der Alevitengemeinschaft bleiben. Der Bektaschi-Dichter Künci drückt das so aus: " Ein Bektaschi bestiehlt niemanden Das Beten ist ihm kein Vorwand für das Nichtstun Er nimmt sich zu seiner Frau keine weitere So lange er lebt, trennt er sich von ihr nicht. " Nach alevitischer Auffassung ist die Frau nicht ein Wesen, das verschleiert und nach allen Seiten abgeschirmt werden muß, das von Beziehungen mit Männern und der Außenwelt abgeschnitten, seine Pflichten alleine bei dem Ehemann,den Kindern,in der Küche und in der Moschee erfüllen muß. Sie ist nicht ein Wesen, das bei der Begrüßung eines Mannes durch das Händegeben bereits beschmutzt wird. Die Aleviten halten ihre Ehe nicht durch die Abschirmung ihrer Frauen rein, sondern durch ihr Denken und ihr Verhalten. Diese Gleichheit von Frau und Mann geht zurück auf vorislamische Traditionen, die geprägt sind vom Schamanismus der Turkmenen und dem Zarathrustra der Kurden. Dazu kommen altanatolische Traditionen, in denen z.B. auch weibliche Gottheiten ihren Platz hatten, wie z.B. die Kybele Gottheit. Das Bild der Frau im Alevitentum zeigt grosse Ähnlichkeiten zu der Einstellung der westlichen Welt. Diese Zusammenfassung haben wir aus dem Buch "Der Weg der Aleviten - Bektaschiten " von Ali Duran Gülcicek entnommen und haben an einigen Stellen einige redaktionelle Änderungen vorgenommen.

 

Alevitische Mystik

Es wurde bereits weiter oben in den Abschnitten über die alevitische Sicht zu den heiligen Bücher sowie dem rituellen Gebet darauf hingewiesen, daß Aleviten eine verinnerlichte, tiefe und mystische Dimension in deren Interpretation hineinbringen. Im Islam wird diese Sicht-weise Sufismus (sufilik oder tasavvuf) genannt. Eine solch innere oder mystische Einstellung zum Leben hat freilich auch Auswirkungen auf die alevitische Aus-legung des religiösen Gesetzes und anderer religiöser Formen. Wenn Aleviten darüber reden, wie wichtig ihnen Ali, Kerbela und die zwölf Imame sind, dann stellen sie meist schnell klar: „Wir lieben Ali und die Familie des Propheten, aber abgesehen davon haben wir absolut keine andere Gemeinsamkeit mit den orthodoxen, gesetzlichen Schiiten des heutigen Iran.“ Anatolische Aleviten nutzen ihre mystische Haltung zum Leben dazu, sich von solchen Gruppen abzugrenzen, die auf eine wörtliche Befolgung des religiösen Gesetzes (seriat) bestehen. Vier Türen, vierzig Stufen (Dört kapi kirk makam) Worin sich Aleviten von den gesetzlichen Muslimen unterscheiden und daß sie dennoch die Familie des Propheten lieben, illustrieren sie gerne mit dem Konzept der „vier Türen und vierzig Stufen“ (dört kapi kirk makam). Dieses beschreibt den Weg, den eine Person durchläuft, die sich einem lebenden, geistlichen Leiter (dede, pir, mürsit) anschließt. Dieser Leiter führt seine Nachfolger durch eine Reihe von vier „Türen“ (kapi), von denen jede wiederum zehn „Stufen“ (makam) beinhaltet. Die erste Tür durchschreitet man als Novize. Wem es gelingt, durch die vierte Türe zu gehen, gelangt zur Einheit mit der letztgültigen Wahrheit (hakikat). Die Namen der Türen lauten: religiöses Gesetz, geistlicher Pfad, geistliches Wissen/Fähigkeit und geistliche Wahrheit (seriat, tarikat, marifet, hakikat). In den Augen der Aleviten ist jemand, der nur an die Regeln des religiösen Gesetzes glaubt, auf der Anfangsstufe geistlicher Erkenntnis stehengeblieben. Wer durch die Beziehung zu einem geistlichen Leiter auf die nächste Stufe gelangt, hat religiöse Gesetzlichkeit hinter sich gelassen und begonnen, den Pfad innerer, tieferer geistlicher Einsicht zu beschreiten. Der „vollkommene Mensch“ (Insan-i kâmil) Im Zusammenhang mit der Idee, durch verschiedene Stufen geistlicher Entwicklung gehen zu müssen, um Einheit mit der Wahrheit zu erlangen, steht auch das Konzept der absoluten Ganzheit. Man nennt diesen Vor-gang auch „ein vollkommener Mensch“ (Insan-i kâmil) werden. Ich meine beobachtet zu haben, daß die meisten Aleviten heute den vollkommenen Menschen durch faßbare Begriffe definieren. Er ist jemand, der seine ich-bezogenen Wünsche (eline, diline, beline sahip) zu kontrollieren weiß, der alle Menschen gleich behandelt (yetmis iki millete ayni gözle bakar) und sich für die Interessen anderer einsetzt. „Ich bin Wahrheit“ (Enel Hak) Wie bereits erwähnt, beinhaltet der Gedanke, als Anbeter zur Einheit mit Hak, - d.h. mit der Wahrheit, der Wirklichkeit oder mit Gott - zu gelangen, einen be-deutenden Aspekt alevitischer Mystik. Aleviten erzählen dazu gerne die Geschichte von Hallac-i Mansur, einem sufistischen Mystiker aus dem 10. Jh. n. Chr., der gesagt hat „Ich bin Wahrheit“ (Enel Hak). Religiöse Autoritäten sahen damals in dieser Aussage die Absicht Mansurs, sich wortwörtlich mit Allah auf eine Ebene zu stellen. Sie ermordeten ihn in Bagdad auf brutale Art und Weise für seine, wie man es nannte, gotteslästerlichen mystischen Ansichten. Aleviten und Mevlana Alevi-Bektaschi sind nicht mit den Nachfolgern Jelaladdin Rumis, auch als Mevlana bekannt, gleich-zusetzen. Mevlana lebte im 13. und 14. Jh. n. Chr. in Konya und war der Gründer einer Gruppierung, die Mevlevi oder auch die tanzenden Derwische genannt wird. Seine mystischen Gedichte sind weltberühmt und werden von Aleviten und türkischen Muslimen aller Richtungen zitiert. Obwohl der Leser Gemeinsamkeiten zwischen den Ansichten und Praktiken der Alevi-Bektaschi und den Mevlana-Derwischen finden wird, ist es wichtig, diese Gruppen nicht zu verwechseln oder als identisch zu betrachten.

 

Aleviten und ihre BrÄuche

Viele Ansichten und Praktiken einer bedeutenden Anzahl heutiger Aleviten weisen deutliche Spuren von Volks- oder Aberglauben aus. Dazu gehören unter anderem der Glaube an nicht dokumentierte Wundertaten (kerametler) der Alevi-Bektaschi Heiligen und der dede. Zum Beispiel wird behauptet, Ali sei Mohammed als sprechender Löwe erschienen. Hadschi Bektasch soll auf wundersame Art und Weise nach Mekka befördert worden sein (daher sein Name Hadschi, dem Titel für Pilger nach Mekka). Abdal Musa (ein Jünger der Hadschi Bektasch Loge im 14. Jh. n. Chr.) soll bewirkt haben, daß im Sommer Wasser von der einen Seite eines Berges geflossen sei und im Winter von der anderen Seite. Balim Sultan (Bektaschi- Leiter aus dem 15. Jh.) soll durch eine wunder gewirkte Geburt zur Welt gekommen sein. Hadschi Bektasch werden noch weitere Wunder zugeschrieben, für die es angeblich Hinweise im Umkreis der Hadschi Bektasch- Stadt Kirsehir geben soll. Als ich dort zu Besuch war, wurde mir z.B. von einem Einheimischen die Legende vom „Stein mit dem Loch“ (delikli tas) erklärt. Gemäß dieser Geschichte, die ich hörte, während ich vor dem delikli tas stand, hatten Soldaten das Haus von Hadschi Bektasch angegriffen und er floh auf seinem Pferd in die nahe gelegenen Hügel. Dort versteckte er sich unter einem Felsvorsprung. Die feindlichen Soldaten belagerten Hadschi Bektasch für vierzig Tage und Nächte. Dann schlug Hadschi Bektasch mit seiner Faust ein Loch in den Fels, das gerade groß genug war, um ihn und sein Pferd hindurch zu lassen und zu fliehen. Danach verkleinerte sich die Öffnung auf etwa Schulterhöhe. Noch immer ist das Loch in jenem Felsen zu sehen. Viele Aleviten glauben, es werde sich weit genug vergrößern, wenn eine gerechte Person den Versuch unternimmt, durch dieses hindurch zu kriechen. Wenn sich jedoch eine ungerechte Person hindurchzwängen möchte, so wird die Öffnung noch kleiner und der Person gelingt es nicht. Jedes Jahr versuchen hunderte von Personen, durch dieses Loch zu gelangen. Viele der heutigen Aleviten befolgen noch weitere Praktiken volkstümlichen Glaubens, deren Ursprung meist im Dunkeln liegt. Dazu gehören unter anderem: Das Anzünden von Kerzen an den Gräbern von Heiligen Das Küssen der Türrahmen heiliger Räume Nicht auf die Türschwelle heiliger Gebäude zu treten Das Gebet bekannter Heiler zu suchen Wünsche auf ein Stück Stoff zu schreiben und an Bäume zu binden, denen geistliche Macht zugeschrieben wird.

 

Semah

Viele kennen die Bilder der sich in Ekstase drehenden Derwische. In Sufi-Orden, wie dem Mevlevi-Orden und bei den Anhängern des Mystikers Haci Bektasi Veli (13. Jhd.) ist der Tanz ein fester Bestandteil der religiösen Riten und Traditionen. Der Semah (Himmel, Himmelsgewölbe) hat vor allem innerhalb der alevitischen Kultur einen hohen Stellenwert. In Begleitung von Saz und mystischen Liedern tanzen Frauen und Männer gemeinsam in Form eines Kreises, wie die Kreisbahnen der Planeten Sonne und Mond. Mit langsamen Bewegungen geht's los, Schritt für Schritt werden die Bewegungen schneller. Dabei darf nicht übersehen werden, dass der Semah nicht nur ein Tanzstil ist. Musik und Rhythmus, Gesang und Körpersprache - alles Fundamente des Tanzes - haben beim Semah eine tiefere, mystische Bedeutung. Er ist eine Erzählung, Ausdruck von Dankbarkeit, der Freude, des Reichtums, aber auch des Todes, umrahmt von Rhythmen und Musik. Er ist eine Inszenierung des Ursprungs des alevitischen Glaubens, der sowohl schiitische als auch alttürkische, vorislamische und altchristliche Elemente umfasst. So erklärt es sich auch, dass es kaum regionale Unterschiede gibt, dass der Semah eine gemeinsame Sprache ist, der sogar weit entfernte alevitische Gemeinden miteinander verbindet. Innerhalb der Cem-Zeremonien, den religiösen Gemeindeversammlungen der Aleviten, ist der symbolische Tanz nicht wegzudenken. In ihm spiegeln sich die Rätselhaftigkeit der islamischen Anfänge und Legenden wider. Hier wird die Himmelfahrt Muhammeds (gepriesen sei der Prophet) und das Leiden der Zwölf Imame dargestellt, den direkten Nachfahren des Propheten und somit für die Aleviten und Schiiten seine rechtmäßigen Nachfolger. Der Tanz selbst erzählt von seiner eigenen Entstehung: Als Muhammed von der Himmelfahrt zurückkehrt, begegnet er den so genannten Vierzig, eine Gruppe von Heiligen. Er hat eine Traube bei sich, diese wird ausgepresst und der Saft versetzt die Vierzig in einen Rausch. Sie sagen "Bei Gott", nehmen sich bei den Händen und beginnen mit dem Semah. Auch Muhammed tanzt mit ihnen. Während des Tanzes fällt der heilige Turban des Propheten auf den Boden und zerfällt in vierzig Streifen, aus denen sich jeder der Heiligen einen Rock schneidert. Wie diese Legenden ist auch die Umgebung des Cem voller Symbolsprache. Das Zentrum des Raumes stellt die Welt dar, durch das "Stampfen" beim Semah will der Tänzer sich von der begrenzten, materialistischen und egoistischen Welt befreien. Der Semah ist voller Emotionen und Ausdruck der Ergriffenheit. Dennoch ist er nicht ein ausschweifender Tanz, sondern bestimmt von einer hochkomplizierten Symbolik vieler kleiner Bewegungen. Die Gefühle und die Atmosphäre bei diesem Ritual sind nicht wirklich in Worte zu fassen, sie bleiben ein Geheimnis einer an Geheimnissen reichen Lehre. Eine Lehre, die in den Worten des Volkssängers Nesimi ihren Ausdruck findet: "In mich passen zwei Welten, In nur diese Eine passe ich nicht, Ich bin eine freie Seele, In Orte und Körper passe ich nicht, Sei still und bleib zurück, Denn in Worte passe ich nicht". Nach der Überlieferung vom 6. Imam im " IMAM CAFER BUYRUK " wurde der Semah erstmals im " Geheimbund der VIERZIGER " vollzogen. Dieser Bund bestand aus 17 Frauen und 23 Männer und geht auf eine früh- alevitische Glaubensgruppe des 6. Jahrhunderts zurück.. Unter diesen Personen war auch Ali ,der Schwiegersohn Mohammed's vertreten. In diesem Bund wurde dann in Anwesenheit von Propheten Mohammed eine Traube zerdrückt, so das alle ein Schluck davon einnahmen. Daraufhin haben die " Vierziger " den Semah " getanzt ". Anderen Quellen zufolge ist der Semah ein Relikt aus voralevitischen alttürkischen Religionen ( Schamanismus ) , die von den Aleviten in den Frühislam eingebettet worden sind. Der Semah ähnelt einem Reigentanz. Allerdings sollte er nicht als folkloristisches Element betrachtet werden, das zu feierlichen Anlässen oder gar zum Vergnügen getanzt wird.

 

Der Semah ist vielmehr ein Gebetsritual, der nur in der Cem-Zeremonie vorgetragen werden sollte. Wie wird getanzt? Der Semah wird von Frauen und Männer unterschiedlichen Alters ( ohne Kinder unter vierzehn Jahren) praktiziert. Die Kleidung sollte aus den Alltagskleidern bestehen, weil es nicht auf die äußere, sondern auf die innere Vereinigung mit Gott und Natur ankommt.. Die Semah- Mitglieder bewegen sich in einer kreisförmigen Figur. Dabei drehen sie sich zusätzlich um die eigene Achse. Die Handinnenfläche der rechten Hand zeigt nach oben und die linke Handinnenfläche ist auf den Boden gerichtet. Es finden keine körperlichen Kontakte, wie zum Beispiel Hände halten, zwischen den Teilnehmern statt. Die dabei dargestellte Figur, also das Drehen in einer " Kreisbahn " und das Drehen um die eigene Achse, symbolisiert nicht nur das Universum, wo die Planeten in einer Umlaufbahn um die Sonne und um ihre eigene Achse kreisen, sondern auch die ewigen Kreisläufe des Lebens und der Natur. Denn für die Aleviten ist die Dreieinigkeit von GOTT- MENSCH- NATUR ein sehr wichtiges Element ihrer Religion. Nur wenn alle drei vereint sind, also in Eins verschmolzen sind, kann man zur Wahrheit gelangen. Wenn man nur eins der drei als Schwerpunkt oder als das Höchste anpreist, so verschwindet die Harmonie zwischen allen drei, was dann zur Chaos führen kann. Die Aufgabe des Menschen ist also das Erreichen des " Eins-Werden" mit Gott und Natur. Die Dreieinigkeit Gott-Mensch-Natur ( nicht zu verwechseln mit der christlichen Dreifaltigkeit ) wird vom Semah- Teilnehmer in dem Ritual symbolisiert. Die langsamen Rhythmen der SAZ ( Langhals-Laute ) zu Beginn des Semah, führen jeden Teilnehmer des Cem's einen mystischen Zustand. Nach und nach werden die Rhytmen schneller und durch diese unterschiedliche Phasen versucht der Semah-Teilnehmer den Zustand der Vereinigung von Gott- Mensch- Natur zu erreichen. Die nach oben und unten gerichteten Hände versuchen dabei symbolisch eine Verbindung / Vermittlung zwischen Erde und Gott darzustellen. Die Flugbewegung des bei den Aleviten heiligen Tieres, des Kranichs ( Turna ), wird ebenfalls nachgeahmt. Leider wird der Semah heutzutage von den alevitschen Jugendlichen nicht ausreichend als religiöses Ritual wahrgenommen und gewürdigt. Einige verwechseln den Semah mit Folklore und versuchen überall, wo es sich anzubieten scheint, den Semah zu " tanzen" . Doch wenn wir nicht selber unsere Fehler korrigieren, werden vielleicht unsere Kinder den Semah wirklich nur als Folklore kennen lernen. MAN KANN UND SOLLTE AUCH NICHT IN HOCHZEITEN, FEIERLICHEN ANLÄSSEN ODER POLITISCHEN VERANSTALTUNGEN DEN SEMAH VORFÜHREN ODER " TANZEN " . DENN SO GEHT DER GANZE SINN DES SEMAH'S, DAS EINS - WERDEN MIT GOTT UND NATUR, REGELRECHT VERLOREN !!!!! DEGERLI CANLAR ! ! ! SEMAHLARIMIZA SAHIP CIKALIM. HER EGLENCELERDE, GECELERDE VE DÜGÜNLERDE SEMAH DÖNMEYELIM..... SEMAHIN TEK YERI CEM' LERIMIZDIR, HÜNKAR BEKTASI VELI, ABDAL MUSA ANMA vb. GÜNLERIDIR ! !

 

Das Semah - RitualDas Rätselhafte am Alevi- Bektaschismus erfordert aufgrund der Fülle von Symbolen eine breit angelegte und tiefgründige Untersuchung. So sagte auch schon Haci Bektaschi Veli: „Alles hat ein sichtbares und 72 unsichtbare Gesichter“. Wenn man den Semah nur einseitig betrachtet, wird er als ein Tanzstil wahrgenommen werden. Denn Musik, Rhythmus, Gesang und Körpersprache sind Bestandteile aller Formen des Tanzes. Der Tanz ist ein Ausdrucksmittel des Menschen, das Tod, Freude, Reichtum und Dank mit Rhythmus- und Musikbegleitung erzählerisch umsetzt. Auf diese Art glaubte man sogar auf die Natur einwirken zu können. Denn letztlich sind Musik und Körpersprache ein Medium. Wichtig zu verstehen ist dagegen die innere Bedeutung der Musik und der Handlungen und natürlich der zugrunde liegende Gedanke. Bei der Beleuchtung des Semah muss man sich, die beim Semah entstehende Emotionalität, die Freude, die sich in der Körperbewegung widerspiegelt und die treibende Motivation, vergegenwärtigen. Die so gewonnene Erkenntnis wird den Semah natürlicherweise innerhalb der Grenzen der alevitischen Lehre einfügen. Diese Ergebnisse werden uns sogar mit einer authentischeren Erkenntnis bekannt machen. Ich komme aus der Ewigkeit, was will ich mit der vergänglichen Welt. Ich habe Sein Antlitz gesehen, was will ich mit der vergänglichen Welt. Wie Jesus verlasse ich die Welt und begebe mich in den Himmel. Ich bin der Gefährte von Moses, was will ich anderes. Im obigem Nefes (Lieder von mystischer Liebe und Erfahrung) wird das Menschenbild des Alevi- Bektaschismus deutlich. Der Mensch entspringt dem Kosmos, erlangt Substanz und ist ein kleiner Teil der irdischen Gemeinde. Innerhalb der belebten und unbelebten Natur ist der Mensch als einziger in der Lage seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Für diese Gabe und für die Schöpfung einer mannigfaltigen Natur bringt der Mensch Ihm (dem Schöpfer) Dank und Bewunderung entgegen. Der Mensch ist nicht nur Kopf und Fuß, er hat innere Werte, nicht nur Äußerlichkeiten. Was den Menschen also von anderen Lebewesen unterscheidet, ist sein Bewusstsein. Dieses menschliche Bewusstsein führte zur Erkenntnis der wahren Bedeutung des Menschen. Die Freude darüber und das Erkennen der Schönheit der Schöpfung führt zu Genuss und Ehrerbietung. Der Gottesdienst zielt alleine auf Genuss und Muhabbet. Als Muhabbet bezeichnet man eine Zusammenkunft, bei der religiöse Hymnen vorgetragen und die Angelegenheiten der Gemeinschaft behandelt werden. Das zentrale Anliegen dabei ist die einvernehmliche Verständigung untereinander (Muhabbet Meydani? Platz der Zuneigung/Liebe). Der Schöpfer (HU) schuf alles mit Liebe und dem Gefühl des Muhabbet. Muhabbet ist der Pfeiler des Himmels und der Erde, Über Muhabbet führt der Weg zu Gott. Die obigen Worte sind sehr interessant, denn sie messen dem muhabbet eine sehr große Bedeutung zu, d.h. wer nichts von muhabbet versteht, dem wird Gottes Liebe nicht zuteil wer-den. Die schöpferische Kraft wird verglichen mit dem Licht der „Kerze der Schönheit“ (kud-ret kandili). Laut Koran stellt dieses Licht die gesamte Welt dar. Die bei Cem- Zeremonien angezündete Kerze symbolisiert die Kraft des Wissens, die in Form von Licht (nur) sichtbar wird. Man glaubt, dass dieses Licht gleichzeitig Muhammed und Ali symbolisiert. Deshalb wendet man beim Semah der Kerze niemals den Rücken zu. Die Ehrerbietung gegenüber der Kerze ist ein Symbol des Wissens (Marifet) von muhabbet. In allen Akten des Cem und während des Semah zeigt man den geistlichen Oberhäuptern (Pir) der Gemeinschaft gegenüber Ehrerbietung (post’a niyaz), indem man sich z.B. vor ihnen verbeugt. Die Stellung der Geistlichen bezeichnet man als post. Die Bedeutung, die der Pir inne hat, ist muhabbet und stellt Imam Hüseyin dar. Im Semah hat die Hand eine große Bedeutung. Sie gestaltet ihn vom Anfang bis zum Ende. Denn die Hand ist ein Instrument, das Gedanken ausführt. Die Hand hatte für Hz. Ali und Hz. Fatma eine bedeutende Stellung, wie auch heute innerhalb der Lehre. Die grüne Hand, die schöpferische Hand, ist die Hand Fatmas. Der Hand begegnet man auch beim Cem der Vierzig und bei der Himmelsreise. Wie aus dem Buch „Kuslarin Dili“ von Sevki Baba zu entnehmen ist, symbolisiert der Handrücken das Klare, das Deutliche (zahir) und die Handfläche das Verborgene, das Innere (batin). Man sieht auf die Handfläche, um vielleicht das Verborgene zu sehen. Oder aber man sieht Ali. Falls die Hand der Spiegel des Gesichtes ist, denkt man an die Verszeile von Hilmi Baba: „Ich hielt den Spiegel vor mein Gesicht und erblickte Ali.“. Diejenigen, die beim Cem einen Dienst erweisen und in manchen Regionen auch die Semah-Tänzer, binden sich einen Gürtel um. Dieser Gürtel heißt auch Gayret Kusagi und zeigt ihre Bereitschaft für den Dienst. Dieser grüne oder rote Gürtel geht zurück auf den oben beschriebenen Cem der Vierzig, wo Muhammeds Turban in vierzig Streifen fiel. Der Semah muss aus freien Stücken erfolgen, nicht unter Zwang oder um jemanden einen Gefallen zu tun. Die freudige und gleichzeitig meditative Atmosphäre beim Cem und der Anblick der Freude der Menschen darüber, Gott nah zu kommen sind schwierig über die schriftliche Sprache zu vermitteln.

 

Richtziele der alevitischen Erziehung

1. Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Aussprache für Gerechtigkeit (haksizliga karsi gelmek): Der größte Teil der alevitischen Jugend identifiziert sich mit dieser Eigenschaft. Gemäß alevitischen Glaubens war dies eine Eigenschaft vom 3. Imam Hüseyin. Imam Hüseyin war Enkelkind vom Heiligen Mohammed und Sohn vom 1. Imam Ali. Imam Hüseyin leistete Widerstand gegen ungerechte Ernennung von Yezid, Sohn von Muaviye als Kalif. Gegen die Ungerechtigkeit und Grausamkeit von Yezid lehnte er sich im Jahre 680 auf. Am 10. Oktober 680 n. Ch. wurden Imam Hüseyin und über 70 Anhänger in Kerbela von Yezit -Soldaten ermordet. Die Aleviten denken jedes Jahr an dieses dramatische Ereignis und erziehen ihre Kinder gegen Unrecht und Unterdrückung. Die alevitische Jugend ehrt auch aus dem gleichen Grund andere Persönlichkeiten, z. B. Pir Sultan Abdal, den Dichter und Freiheitskämpfer, der im 16. Jh. gegen die Osmanische Herrschaft kämpfte und in Sivas aufgehängt wurde. 2. Toleranz und Einverständnis (rizalik) im Alevitentum: Das höchste Gebot der alevitischen Lehre ist die Toleranz. Zur Begriffserklärung: Toleranz(hosgörü) setzt einen Dialog(görüsme) zwischen Menschen voraus. Ohne Dialog keine Toleranz. Die Endstufe der toleranten Haltung ist das Einverständnis (rizalik). Die Duldung (göz yummak)ist mehr oder weniger eine einseitige Entscheidung. Sie kann jederzeit einseitig beendet werden. Dagegen das Einverständnis beruht sich auf die beidseitige Akzeptanz. Toleranz ist mehr als Tolerieren. Das Gegenteil von Toleranz wäre der Egoismus (bencillik). Um das Thema „ Toleranz im Alevitentum“verstehen zu können, soll Glaubensinhalte der alevitischen Lehre einbezogen werden, weil die Toleranz in der alevitischen Lehre begründet ist. Das höchste Gebot der Alevitischen Lehre ist die Toleranz (hosgörü). Im alevitischen Gebetbuch „Buyruk- das Gebot“ wird es mehrfach mit der Formulierung betont“ Betrachte 72 Volksgruppen gleich.“72 millete bir nazarla bak. Ein anderes alevitisches Sprichwort besagt gleiches mit folgender Formulierung: „Akzeptiere, die Geschöpfe dem Schöpfer wegen“ Yaratilani hos gör, yaratandan ötürü“. Der Ausspruch vom Heiligen Haci Bektas Veli im 13.Jh. zur Toleranz: incinsen de incitme !: bedeutet etwa: Wenn Du auch beleidigt wirst, beleidige trotzdem nicht ! Der türkisch- alevitische Dichter und Mystiker Yunus Emre formulierte im 13 Jh. die tolerante Haltung wie folgt: Adimiz miskindir bizim Düsmanimiz kindir bizim Biz kimseye kin tutmayiz Kamu alem birdir bize. Sie nennen uns Ergebende, Wir haben nur einen Feind, der Haß Wir haßen niemanden Alle sehen wir gleich und eins. Yunus Emre Ein anderer zentraler Begriff im Alevitentum ist rizalik, hosnutluk so gut wie: Zufriedensein, Einwilligung, Zustimmung. Toleranz ist keine Eigenschaft, die angeboren ist sondern sie muß ständig gepflegt und gefördert werden, in der Familie ( unseres statt meins) und in der Kindertagesstätte und Schule (Religionsunterricht für alle statt konfezionelle RU), in den religiösen Gemeinden (zur Nächstenliebe) und nicht zuletzt in der Politik (Schutz der Minderheiten). Dialog: Alevitische Gelehrten empfehlen ihren Glaubensgeschwistern bei jeder Gelegenheit folgendes: Behandele! Deine Nachbarn wie dich selbst. Begrüße jeden Menschen, den du begegnest! Dabei geht dein Gruß an Gott. Bekämpfung des Egoismus (bencillik veya benlik): Gegen den eigenen Egoismus zu kämpfen, ist die Lebensaufgabe für Aleviten. Viele Handlungen von Aleviten haben das Ziel, das eigenen Ego zu bekämpfen und ihn zu besiegen. Dieses Erziehungziel wird von Menschen, die es nicht hoch genug schätzen, oft als naiv und schädlich kritisiert. Sie behaupten, dass alle diese Empfehlungen zur passiven Haltung führen würden. Der Mensch müsse sich aber in dieser leistungsorientierten Gesellschaft behaupten können. Wir stellen hier einen Zielkonflikt fest, mit dem sich Aleviten oft auseinandersetzen müssen.

 

Eine der Folgen von der fehlenden Toleranz und Akzeptanz ist heute die Ausländerfeindlichkeit in Österreich, die wir durch die Förderung der Toleranz gemeinsam und langfristig bekämpfen müssen. Eine andere Folge der nicht toleranten Haltung ist der Stress, die nicht nur für untolerante Menschen selbst schädlich ist, sondern auch für ihre Umgebung. Das Alevitentum kann in dieser multikulturellen Gesellschaft einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Toleranz leisten. Wie die Aleviten von dieser Gesellschaft einige positive Verhaltensweisen übernahmen, kann die deutsche Gesellschaft auch, einiges von Aleviten übernehmen. Das würde das friedliche Zusammenleben ungemein fördern. 3. Gleichberechtigung aller Menschen, Gleichberechtigung von Mann und Frau (baci-kardeslerin birligi): Die alevitischen Familien erziehen ihre Töchter und Söhne zur Gleichberechtigung. Die Frauen werden nicht als Provokation für den Sexualtrieb der Männer angesehen und nicht in erster Linie dafür verantwortlich gemacht. Auch den Zwang zum Kopftuch gibt es bei Aleviten nicht. Sie können ohne Kopftuch an den Versammlungen teilnehmen, 12 Hizmet (12 Dienste) verrichten. Sie können bei allen Lebensbereichen mitbestimmen. Die Frauen können völlig frei ihre Meinung äußern, an den Diskussionen teilnehmen und Kritik ausüben. In der Gesichichte gab es zahlreiche ‘Ozan (Volksmusikerinnen), Sair (Dichterinnen) und sogar Führerinnen von alevitischen Frauen. Die Alevitenfrauen haben in Anatolien den Verein mit dem Namen Baciyan (Schwerterorden) gegründet, womit sie auch im gesellschaftlichen Kampf aktiv ihren Platz genommen haben. Im Alevitentum ist die Heirat gleichzeitig mit mehreren Frauen verboten. Diejenigen(Männer), die sich von ihren Frauen ungerechterweise trennen, werden als düskün (ausgestoßen) gestempelt uns aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Heutzutage arbeiten alevitische Frauen verantwortungsvoll in jedem Lebensbereich. Die Aleviten würden ihren Status in der Gesellschaft in dem Maße verbessern, wie sie sich an den Aktivitäten der Organisation beteiligen. Der erste Schritt in dieser Richtung sollte auf dem Bildungsbereich getan werden. Auch die Lösungen frauenspezifischer Probleme wären durch die Bildungsarbeit leichter. Dieser Kampf macht gleichzeitig das Engagement der Männer erforderlich. Haci Bektas Veli: „Bildet die Frauen!“ 4. Aufteilung der Güter zum Gemeinwohl (toplumsal paylasimcilik): In der Gebetsversammlung Cem bringt jeder irgend etwas Eßbares mit, was dort portioniert und gerecht an alle Gemeindemitglieder und Besuchern verteilt wird. Nach alevitischer Tradition gibt es zur Förderung dieses Zieles eine Institution Namens „Wegbrüderschaft“. Das heißt, daß die alevitischen Familien in der Gemeinde Familienpaare bilden und ihre Güter und Ressorts auf Dauer bündeln. Die Kinder lernen sehr früh die Güter mit anderen Kindern zu teilen. Das fördert die Beziehungsfähigkeit der Kinder. Die oben aufgezählten Ziele der alevitischen Eltern sind mehr oder weniger Universalwerte. Das Alevitentum kann in dieser multikulturellen Gesellschaft einen wichtigen Beitrag zur Förderung der o.g. Eigenschaften leisten.

 

Wer sind die Aleviten?

„Jeder Muslim, der die Familie des Propheten Mohammed liebt, ist ein Alevi.“ „Alevi ist einfach jeder demokratische, tolerante, die Menschenrechte unterstützende, modern denkende Mensch, ganz unabhängig von seinem religiösen Hintergrund.“ „Das Alevitentum ist die echte, wahre Essenz des Islam.“ „Das Alevitentum ist der eigentliche türkisch- anatolische Islam.“ „Das Alevitentum ist eine Philosophie, eine eigene Weltanschauung.“ „Das Alevitentum ist Sufismus in seiner reinen Form.“ „Das Alevitentum ist Schiitentum in seiner reinen Form.“ „Das Alevitentum ist nichts anderes als sunnitischer Islam mit einer besonderen Betonung auf Ali.“ „Das Alevitentum ist so synkretistisch, daß es gar nicht zum Islam gezählt werden darf.“ „Das Alevitentum ist eine Alternative zum ortho-doxen Islam.“ „Das Alevitentum ist ein Beispiel für den klassisch marxistischen Kampf einer unterdrückten Minderheit.“ „Das Alevitentum ist eine Mischung aus den besten Elementen von Islam, Christentum, Judentum, Manichäismus, Zoroastrianismus, Schamanentum und dem Humanismus des 20. Jahrhunderts.“ Die vier blinden Männer und der Elefant Diese Versuche, das Alevitentum zu definieren, erinnern an die Geschichte von den vier blinden Männern, die zum ersten Mal mit einem Elefanten in Berührung kamen. Jeder von ihnen berührte einen anderen Teil des Elefanten und versuchte, den drei anderen seinen Eindruck zu beschreiben. Der erste blinde Mann betastete den Rüssel des Elefanten und sagte: „Es handelt sich um ein bewegliches Rohr!“. Der Zweite berührte die Elefantenohren und behauptete: „Ich muss leider widersprechen, es fühlt sich eher an wie eine weiche, dicke Decke!“ Der Dritte hatte seine Arme um ein Elefantenbein geschlungen und rief: „Irrtum, meine Herren! Dieses Ding, das man Elefant nennt, ist ein großer, stattlicher, sehr alter Baum. Ich kann ihn nicht einmal ganz umfassen.“ Der vierte Mann, der seine Hand über den Körper des Elefanten gleiten ließ, meinte energisch: „Werte Freunde, Sie wissen wirklich nicht, worüber Sie sprechen! Der Elefant ist so groß und breit, dass er mehr einem Haus gleicht, als allem anderen, das Sie beschrieben haben!“ Wenn man sich darum bemüht, die Gestalt des heutigen Alevitentums kennen zulernen, kann es einem leicht ergehen, wie den vier Blinden mit dem Elefanten. Man mag auf ebenso viele Meinungen treffen, wie Menschen, die man danach befragt. Alles hängt von der Perspektive der jeweiligen Person ab, mit der man gerade spricht.

 

Traditionell gab es große Gruppierungen türkisch sprechender Aleviten in den zentral- und ostanatolischen Provinzen Çorum, Amasya, Tokat, Yozgat, Çankiri, Sivas, Elazig, Malatya, Adiyaman, Bingöl, Mus und Kars. Man hat diese Aleviten auch als Kizilbasch (Kizilbas) oder Turkmenen (Türkmen) bezeichnet (wobei freilich nicht alle Turkmenen Aleviten sind). Durch die Wanderungsbewegungen der türkischen Bevölkerung in neuerer Zeit in die Städte und die allgemein zunehmende Mobilität, sind die Aleviten heute jedoch in fast allen Provinzen des Landes anzutreffen. Eine alevitische Gruppe, die ursprünglich in einer Gegend mit dem Namen Dersim (die heutige Provinz Tunceli sowie Teile der Provinzen Erzincan und Erzurum) gewohnt hat, spricht als Muttersprache das sogenannte Zazaca oder Dersimce. Sie werden manchmal auch als Kizilbas Kurden bezeichnet. Noch eine weitere, kleinere Gruppe türkisch sprechender Aleviten, die Holzfäller (Tahtacilar) genannt wird, hat sich ursprünglich in den Regionen des Mittelmeeres und der Ägäis aus-gebreitet. So wie alle anderen Religionen dieser Welt, beinhaltet auch der Islam verschiedene Konfessionen. Der westlichen Welt sind nur die Schiiten (z.B im Iran) oder die Sunniten (zB in Saudi-Arabien) bekannt. Aber außer diesen beiden gibt es noch viele verschiedene Konfessionen,die je nach Ländern unterschiedlich stark vorkommen. Dazu gehören auch die Aleviten ,die nicht nur in der Türkei ,sondern auch in den Balkan-Ländern und in einigen Arabischen Staaten leben.Rund ein Drittel der in Türkei lebenden 66 Millionen Menschen gehören dieser Konfession an. Natürlich gibt es auch Christen, Juden und Andersgläubige ,die jedoch ca.2% ausmachen. Die Aleviten konnten aufgrund ihrer "Minderheitenrolle " bis heute weder ihre 1400 jährige Kultur und Religion frei ausüben noch damit in die Öffentlichkeit treten. Sogar heute noch darf in der Türkei kein Verein oder eine Kultureinrichtung unter einem 'Alevitischen' Namen eröffnet werden, weiterhin wird die alevitische Konfession offiziel nicht anerkannt. Dagegen wird aber die sunnitische Konfession durch den Staat mit Hilfe von staatlichen Finanzmitteln (Steuereinnahmen) und dem 'Amt für religiöse Angelegenheiten ' (Diyanet Isleri ) stark gefördert. Das 'plötzliche' Auftreten der Aleviten in jüngster Zeit ist darauf zurückzuführen, daß sie wieder Opfer zunehmender Gewalt von türkischen Fundamentalisten und Rechtsradikalen geworden sind. Zu diesen Gewalttaten gehört z.B der Brandanschlag der Fundamentalisten in Sivas /Türkei im Juli 1993, wobei 37 Intellektuelle und Künstler ermordet worden sind. Auch der feige rechtsradikale Angriff auf alevitische Teehäuser in Istanbul im März 1995 forderte fünf Tote. Auf den darauf folgenden Protest-Demonstrationen ist die Anzahl der Toten auf ca.30 gestiegen. Wir werden Sivas niemals vergessen ! Warum die Aleviten seit Jahrhunderten schon immer Opfer solcher Gewalttaten geworden sind,werden wir Ihnen in den folgenden Seiten erklären !!!

 

Dersim und seine Religion

Die Region Dersim ist eine fast auschließlich alevitische (auch KIZILBAS genannt) Region. Die Aleviten stellen gegenüber den orthodoxen Sunniten mit ca. 20% der ca. 65 Millionen Moslems in der Türkei eine Minderheit dar. Sie berufen sich auf die direkte Nachfolge von Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds, sind aber in ihrem gelebten Glauben nicht mit den orthodoxen Schiiten in Iran und den Sunniten in der Türkei vergleichbar. Sie lehnen sowohl die Sunna als auch die Scheria, das islamische Rechtssystem, ab und zelebrieren ihre religiöse Rituale und Zusammenkünfte in Cems, nicht in Moscheen. Das Alevitentum in Dersim ist eine Sonderentwicklung der moslemischen Welt. Dersim hat sich in seiner recht unzugänglichen Bergregion eine Religion erhalten und ausgeprägt, die eine Mischung aus altiranischen, altanatolischen, alttestamentarischen, christlichen und islamischen Elementen darstellt. Der alevitische Glaube in Dersim zentriert sich nicht um das islamische heilige Buch Koran und die Einhaltung ritualisierter Verehrungsformen, sondern um in dem Gebiet existierende heilige Orte und dort lebende heilige Männer und Frauen. Die religiösen Feste und Rituale werden mit Tanz, Liedern und Predigten in Privathäusern von Seyits (Priester) und heiligen Orte abgehalten. Die Dersimer sind in ihrem Alevitentum mystisch aber haben gegen die islamischen Orthodoxie häretische Tendenzen. Aleviten verehren zwar Gott, aber nicht im Sinne einer bestimmten Person. Nach alevitischem Glauben ist Gott nicht vom Universum zu trennen. Menschen, Tiere und Pflanzen sind Produkte des Universums, der Natur, des Gottes. Die Aleviten glauben an den Menschen, an seine Entwicklung zur Vollkommenheit, an die Gesellschaft der Menschen und verehren alles Lebendige des Universums. Ein Baum oder Stein können beispielsweise als Produkte der Natur heilige Plätze des Gebets und der Besinnung sein. Z. B. ist der Berg und große Felsen ”Kemerê Bimbareki” (Heiliger Stein), auch ”Duzgin Bava” (Vater Duzgin) genannt, ein heiliger Pilgerort für Dersims Aleviten. Die grundlegende Glaubensvorstellung der Aleviten besagt, daß jedes Mitglied der alevitischen Gemeinschaft ”Herr seiner Hände, seiner Zunge und Lenden” sein soll. Seiner Hände Herr zu sein, bedeutet alevitischem Glauben nach, nicht zu stehlen und zu töten, sondern für sich und das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten. Herr der Zunge zu sein, bedeutet vor allem, niemanden zu beleidigen und die eigenen Worte so zu wählen, daß das Wohlbefinden aller Anwesenden gefördert wird. Herr der Lende zu sein, heißt, daß jeder Mann -im Unterschied zum Islam- nur mit einer Frau verheiratet sein dürfe. Der Islam erlaubt z.B. jedem Mann das Heiraten von 4 Frauen. Im Cem (Religiöse Zusammenkunft) spiegelt sich alevitischer Glauben, Kultur und Philosophie. Cem wird in Privat-Häusern gehalten. Seitdem es in der letzten Zeit Cem-Häuser gibt, werden sie in Cem-Häusern gehalten. Das religiöse Oberhaupt, Pir, predigt und informiert die versammelten Menschen über die soziale, politische und die religiöse Lage der Gesellschaft. Die Probleme der Kommune, der Menschen untereinander werden öffentlich diskutiert. Jeder Mensch, der zur Cem kommt, bringt etwas zum Essen mit. Das Essen wird in einer Ecke gesammelt. Bei dem Cem-Ritual wird getanzt und gesungen. Nach dem Ritual, wird das Essen -ohne Ansehen auf gesellschaftlichen Rang und Stellung- zwischen den Versammelten gleichmäßig verteilt. Jedes Mitglied, jedes Kind, jede Frau und jeder Mann, alle, werden gefragt, ob sie mit dem, was sie bekommen haben, zufrieden sind. Erst, wenn alle zufrieden sind, wird gegessen. Hierin drückt sich die grundlegende Basis des alevitischen Glaubens aus. Die Philosophie dieses Glaubens ist die Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Im Unterschied zum Islam versammeln sich Männer wie Frauen zu Cems. Das Trinken von Wein ist beim Cem-Ritual erlaubt, während im Islam der Genuß von Alkohl verboten ist.

 

L. Molyneux-Seel, der Ende des 19. Jahrhunderts in Dersim recherchierte und Reiseberichte schrieb, schrieb in seinem Geographical Journal in Dersim folgendes: "Die KIZILBAS" lehnen den Begriff Islam ab. Sie bezeichnen mit diesem Begriff den verhassten Türken. Dersimer nennen sich ”Children of the True Path” (Gerçek Yolun Çocuklari. Die religiöse Hierarchie der Kizilbas in Dersim ist folgende: Seyid (Pir) (Priest), Mürþid (Bishop).” Die Aleviten in Dersim glauben an 12 Imame (etwa vergleichbar mit den 12 Aposteln) : Hasan und Hüseyin, Abbas, Zeynel Abidin, Bakir, Cafer, Kassem, Riza, Ali Askar, Ali Kebar, Kazim, Meit-i. Die Aleviten haben kein heiliges Buch. Das heilige Buch Koran finden sie zu dogmatisch und ideologisch und von sunnitischen und schiitischen Moslems verfälscht. Die Weisungen Gottes werden von Seyit und Pir verbal weitergegeben. Die religiösen Feste, wie Hizir Fest, Gagand (das armenische Neujahrsfest, bzw. Weihnachten) und Heftemal, sind wichtige Feste in Dersim. Dersimer verehren neben Xızır (Gott) Adem, Noah, Abraham, Jesus, Muhammed und Ali als Propheten. Dabei nimmt Ali eine besondere Stellung ein. Die armenischen Kirchen gelten ebenfalls als heilige Orte, die auch besucht werden.